Katzen-Psycho-Logisches
von Elisabeth Roth

"Ein Kätzchen wird gesucht, das weder kratzt noch beißt,
zerbrochne Gläser frisst und Diamanten scheißt."

Sarkastisch, aber wahr! So steht es, frei zitiert, bereits bei Goethe.
Pflegeleicht und praktisch sei das Prestige-Objekt RASSE-KATZE,
wenn der Lifestile regiert. Ohne eigene Ansprüche zu stellen,
soll dieses feline Phantom die Ansprüche seiner Halter befriedigen.

 

Die ideale Katze
Jeder Dritte sucht ein putziges und aufgewecktes Kätzchen, das brav in der Wohnung sitzt, ohne sich viel zu bewegen. Es soll voller Neugier und Spieltrieb sein, aber Teppichfransen gerade lassen, Zeitungen nicht zerfleddern und tapezierte Wände ignorieren. Gefragt ist ein Tier mit Natur belassenem Instinkt, welches die Einbauküche dem Garten vorzieht und lieber eingedosten Sondermüll frisst, als Schmetterlinge und Mäuse. Bevorzugt wird ein Kätzchen mit prächtigem Fell, das nicht haart, ein verschmustes, das nicht auf die streichelnde Hand angewiesen ist, ein gesundes, das nie zum Arzt muss, ein edles, das nichts kostet… und so weiter und so fort.

Azur de Ligne Bleu

Gänzlich Unmögliches fordern berufstätige Singles, wenn sie sich eine Katze in Einzelhaft halten und sich vorstellen, es sei eine zum Sofakissen mutierte Wohnungsdekoration, die klag- und reglos verharrt, bis Herrchen oder Frauchen nach zehn Stunden öder Einsamkeit endlich heimkommt, das teure Dosenfresschen serviert, um dann ins Nachtleben abzutauchen oder zum Lebensabschnittsgefährten. Wer zehn Stunden außer Haus ist und die restliche Zeit alleine lebt, ist nicht der ideale Partner für ein Einzeltier. Womit soll es sich denn die Zeit des Alleinseins vertreiben? Etwa mit der Couch, der Tischdecke oder dem Gummibaum ? Da müssen erst kleine, übel riechende "Geschenke"auf die Zwangslage aufmerksam machen? Besser, man lässt solche Unarten erst gar nicht aufkommen, und sieht sich rechtzeitig nach einem passenden Artgenossen um, denn spielen, kuscheln, den Körper pflegen und miteinander raufen lässt sich am besten von Katze zu Katze. Wer das nicht einsehen mag, wäre mit einem Stofftier besser beraten, als mit einem lebenden Geschöpf.

 

Katzen und Kinder
Das Gleiche möchte man den Familien empfehlen, die ein strapazierfähiges Spielzeug für ihre Kleinkinder suchen. Unverständlich ist die Ignoranz und Impertinenz gewisser Mütter, wenn sie beim Züchter ihre telefonische Bestellung aufgeben und eine "ruhige Katze für die Kinder zum Spielen" verlangen, ohne jegliches Gespür, dass bereits die Horror-Kulisse ihres Anrufs, mit Kindergeplärr und Unterhaltungskrach im Hintergrund, Katzenmenschen und Katzen gleichermaßen abschreckt. Doch wehe, wenn sie durch zähe und uneinsichtige Suche tatsächlich bei einem kommerziellen Tier-Vermehrer fündig werden und solch eine "Katze für die Kinder" bekommen! Eine Katze, die nicht empfindlich sein darf, zum Spielzeug taugen muss und zum Forschungsobjekt für die jungen Entdecker! Natürlich sollte das arme Kätzchen nicht nachtragend sein, wenn der Junior testet, ob Miezis Beinchen genauso elastisch sind wie die vom Teddy!

Dabei kann eine Familien-Chartreux sehr glücklich werden – in der RICHTIGEN Familie, wo sie keine Kinder unter sechs Jahren aushalten muss, geliebt, verstanden und respektiert wird. Wenn der Dialog zwischen Kleinkind und Katze scheitert, dann liegt das meist an ihrer verschiedenen Sprache. Spitze Schreie, Getrampel und zappelnde, zupackende Händchen schlagen jede Katze in die Flucht, besonders aber die Chartreux, weil sie jede körperliche Bedrängnis verabscheut. Wenn das Kind mit hellen Freudenschreien auf das Objekt seiner Begierde zustürzt und sagen will: "Ich mag dich so, hab’ mich lieb, komm lass’ dich streicheln!", dann versteht die Katze: "Rühr’ dich nicht, du gehörst mir, ich mach’ dich platt." Einsichtige Eltern werden darum mit der Anschaffung eines Kätzchens so lange warten, bis die Kinder alt genug sind, um sich besser in der Sprache der Tiere auszudrücken.

Katzen und Babys müssen sich aber nicht zwangsläufig meiden. Chartreux lassen sich durchaus an Babys gewöhnen, wenn sie bereits vor dem Kind ins Haus gekommen sind und keinen Anlass für zur Eifersucht sehen. Dann passiert es sogar, dass die Katze ihr Menschenkind bemuttert und ihm den tollpatschigen Umgang nicht verübelt. Soll ein harmonisches Zusammenleben gelingen, sind in jedem Fall Eltern mit eigener Katzen-Erfahrung und viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Je älter die Kinder werden, umso stärker sollten sie beim Versorgen ihrer Katze in die Pflicht genommen werden. Denn nur, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Tiere im Allgemeinen und die der Chartreux im Besonderen kennen und befriedigen, lernen junge Menschen Verantwortung, Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme fürs spätere Leben. Wie jeder Pädagoge weiß, sind Kinder, die Katzen zu Hause haben, die besseren Schüler, weil sie vom Umgang mit ihren Tieren wesentlich mehr an sozialer Kompetenz profitieren, als vom monologisierenden Lehrer.

 

Wo die Chartreux am liebsten wohnt
Sicher nicht beim lärmenden Heimwerker und beim Party-Freak. Auch nicht beim Stadtneurotiker. Die Chartreux ist nicht zur Chaos-Katze geboren. Sie mag es lieber ruhig und gemütlich. Sie schätzt einen gepflegten Haushalt mit verständigen Kindern ebenso, wie die Gesellschaft mit älteren Menschen. Angenehm findet sie ebenfalls das Leben im Garten, in kleinen Büros und Läden, wo es für sie ihre sprichwörtliche Intelligenz allerlei Unterhaltendes und Anregendes gibt. Hauptsache, man bietet ihr genügend Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten.

Aiki du Bois de Jacques

Eine Chartreux lebt gern mit anderen Katzen zusammen, sofern Temperament und Alter harmonieren. Sie braucht nicht unbedingt ein Rassetier zum Glücklichsein. Sie kann auch mit einem Partner vom Landadel zufrieden sein. Doch jede Neue sollte sich, mit der bereits im Haus lebenden, gut vertragen. Beim leisesten Zweifel, ob man seiner alten Erstkatze eine junge zweite vor die Nase setzen darf, sollte man lieber verzichten, als den alt gedienten Liebling in die

Psychose zu treiben. Eher lässt sich ein jüngeres Tier in eine bestehende Gruppe integrieren, wo es leichter Verbündete findet.

Mit katzenverträglichen Hunden schließt eine Chartreux gerne Freundschaft. Die hält dann auch meist ein Leben lang – nicht nur, weil dieser Katzenrasse hundeähnliche Eigenschaften nachsagt werden.

Weniger eindeutig lässt sich beantworten, ob eine Chartreux in der Wohnung glücklich werden kann, oder Freilauf braucht. So viel steht aber fest: unsere Jungtiere kennen bis zur Abgabe nur die Wohnung. Sie werden darum nichts vermissen, wenn ihr neues Zuhause nur ein Zimmer ( hoffentlich mit Aussicht! ) hat. Man erwarte aber nicht, dass Chartreux vor offenen Gartentüren sitzen bleiben oder sich nur bis zur Terrasse trauen. Wenn sie den Garten benützen dürfen, dann tun sie es gründlich und mit Genuss. Auch wenn er gesichert ist, werden sie sicher jedes Loch im Zaun finden. Im Wesentlichen hängt es von der Wohnlage und dem Wohlwollen der Nachbarn ab, ob man seine Chartreux ins Freie lassen kann, oder nicht. Ein Kompromiss wäre der kontrollierte Ausgang an der Leine. Wunschlos glücklich wirkt zum Beispiel mein Kater „Boccaccio de Mumm“, wenn er an der Leine seiner Besitzerin die Strasse entlang rennen und Bäume und Autos markieren darf.

 

Wer eine Chartreux verdient
Wichtiger als Überlegungen, wo und wie eine Chartreux am besten aufgehoben ist, erscheint mir die Frage, wem sie GEHÖREN soll. Als starke Persönlichkeit braucht sie einen ebenbürtigen Menschen an ihrer Seite, weise genug, sie im Glauben zu lassen, die Stärkere zu sein. Nur dem offenbart sie, welches Feuer hinter ihrer unterkühlt wirkenden Fassade tatsächlich brennt, weil sie in Wirklichkeit nichts anderes will, als in Liebe ganz hinzuschmelzen. Wenn sie in Anwesenheit ihres Menschen einmal nicht auf Sendung ist und lieber, still in sich gekehrt, die Sphinx spielen will, dann sollte man sie nicht stören. Wer fähig ist, seiner Katze nicht das eigene Liebesbedürfnis aufzudrängen, sondern abzuwarten kann, bis sie von allein oder durch sanfte Liebeserklärungen in Stimmung kommt, der ist der richtige Partner für eine Chartreux. Wer sich bemüht, auf schlechte Gewohnheiten zu verzichten, wer ihrem unbeugsamen Willen und Unabhängigkeitsdrang nicht im Wege steht und wer sich freut, gegen freie Kost und Logis bei seiner Chartreux wohnen zu dürfen, nur der ist ein echter Katzenmensch. Und NUR DER hat eine Chartreux verdient.

 
Artikel von Elisabeth Roth
Chartreux Katzenzucht "de Mumm", München